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Adler
 

Abenteuer Wildnis


Eine Lebenshilfe für moderne Menschen

In der wilden Natur sich selbst begegnen. Fastend für drei Tage und Nächte innehalten und allein sein. Immer häufiger begeben sich Menschen heute auf diese abenteuerliche Reise in wilde, abgeschiedene Natur.

Was sie hier erleben, bringt sie auch mit ihrer inneren Wildnis in Kontakt: eine Reifeprüfung der besonderen Art, die sie verwandeln kann. Neue Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen für den Alltag können wachsen.

Wer könnte schon so verrückt sein, alle Annehmlichkeiten und allen Komfort unserer Zivilisation hinter sich zu lassen und vier Tage und Nächte allein in der Wildnis zu leben? Dunkelheit, Nässe und Kälte, Einsamkeit, Angst und Langeweile, Geister, Schlangen und Skorpione: warum sollte sich ein halbwegs vernünftiger Mensch all dem aussetzen? Und dann noch all das mutterseelenallein aushalten! Läßt nicht schon der bloße Gedanke daran alle Haare zu Berge stehen?

Wer sich heutzutage einem solchen uralten Initiationsritual aussetzt, muß wirklich gute Gründe haben. Wer sich seinen inneren Monstern stellen will, muß bereit sein, sich selbst zu begegnen: ehrlich, erdig und ganz menschlich. Das bringt uns in Berührung mit der tiefsten Unsicherheit in uns.

Die Natur wirkt bedrohlich, scheint uns feindlich gesonnen. Gewitter, Sturm und Nebel, wilde Tiere, Klüfte im Berg und unbekannte Weiten, all das ist beängstigend und läßt den Hunger und das Alleinsein allzu hart erscheinen. Aber gerade darum scheint es zu gehen bei dieser Wildniserfahrung. Das Schlüsselwort heißt Visionssuche und steht für ein wieder entdecktes, uraltes Ritual der Selbstfindung, das auch bei uns wieder mehr und mehr Zuspruch findet.

„Der Morgentau glitzert auf den schwankenden Fahnen der Igelgräser. Die Luft ist so klar, daß  einzelne Tautropfen von den Sonnenstrahlen in leuchtende Juwelen verzaubert werden: sie blitzen auf, in reinstem Purpur, Azurblau, Smaragd... Die mächtige Zwillingslärche, unter der wir uns still versammeln, steht regungslos in der Morgenstille. Aus den feinen lichtgrünen Zweigen steigt in filigranen Wirbeln Feuchte. Mit ihren dicken Wurzeln umgreift die Lärche eine große Felsplatte, fast völlig eben. Der Steinkreis darauf ist umringt vom Kreis der Menschen. Freude, Erwartung, Achtsamkeit liegt in der Luft.

Das ist der Moment der Entscheidung. Werde ich den Schritt über die Schwelle tun? Ich habe mich monatelang auf diesen Moment eingestimmt, mir vorzustellen versucht, wie es mir ergehen würde. Ich habe mich mit meinem bisherigen Leben eingehend und systematisch auseinandergesetzt. Ich habe meine persönlichen Angelegenheiten geklärt. Ich habe mich körperlich fit gemacht und meine Ausrüstung ergänzt und auf Vordermann gebracht.

Ich trete aus dem Kreis der Menschen über eine Schwelle aus Holz, die am Boden vor mir liegt, in das Zentrum des Steinkreises. Ich verlasse die äußere Sphäre der Gemeinschaft und gehe in das „Innen des Alleinseins“. Dieser Kreis symbolisiert mein eigenes Leben. In seiner Mitte steht der Leiter dieser Zeremonie und erwartet mich mit offenem Blick. Aus der Muschelschale in seiner Hand steigt weißer, süßer Rauch und wirbelt sanft um uns beide herum. Räucherwerk, aus Pflanzen der Hochalpen hergestellt, eine sinnliche Wohltat für meine Nase. Mit der langen dunklen Adlerfeder in der Linken fächelt er langsam den Rauch über meinen ganzen Körper. Er blickt mir in die Augen und sagt mit warmer Stimme: „Wenn du hinausgehst, vertrau und schau! Tue es für dich und tue es für die Menschen! Tue es für Mutter Erde und alle, die an diesem Ort leben...

Und hockend, zur Erde gewandt, höre ich ihn leise sagen: „...schützt ihn und laßt ihn sicher und heil zurückkommen!“

Als er wieder in voller Größe vor mir steht, zittere ich und mir ist ein bißchen schwindlig. Er berührt mich sanft mit der Adlerfeder auf der Brust, gibt mir so das Zeichen, jetzt zu gehen.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, verabschiede mich mit einem Blick. Als ich über den Rand der Felsplatte trete und meinen Rucksack schultere, spüre ich schon, wie ich alles hinter mir lasse. Schon nach wenigen Schritten verschwindet der Kreis der Menschen aus meinem Blickfeld... Vor mir öffnet sich ein weites, wildes Gebirgstal.“

Der Weg durch die Wildnis

Die dichten Wälder der Vogesen und Sloweniens, die kargen Wüsten Arizonas und Marokkos, die Berge Kaliforniens und Spaniens, aber auch die Einsamkeit mancher verlassener Mittelmeerinsel, sind genauso, wie die Täler und Höhen einsamer Alpentäler, Orte, an denen sich Menschen für mehrere Tage in die wilde Natur zurückziehen.

Den Teilnehmern solcher Rituale wird schnell bewußt, daß sie auf diesem Weg zu sich selbst so manche Wildnis in ihrem Inneren zu durchqueren haben. Dort lauern echte Gefahren: in den Untiefen der eigenen Unentschlossenheit versanden, sich im Urwald der eigenen Gelüste verirren, in der Wüste seiner Ängste erstarren...

Ohne Essen, ohne Ablenkung durch die Synthetics unserer Zeit, fernab jeden gesellschaftlichen Zwanges, wird das Bewußtsein klar wie ein frisch geputzter Spiegel der Seele. Im Innehalten tauchen existentielle Fragen auf: Wer bin ich, wenn alle Rollen von mir abfallen? Was will ich in meinem tiefsten Inneren? Wo will ich hin, wenn ich meinen Standpunkt aufgeben muß?

Es sind die wichtigen, zeitlosen Fragen, die hier beantwortet werden wollen. Fragen nach dem Wesensgrund des Menschlichen, nach dem Wert und Sinn des Lebens. Fragen nach Ziel und Richtung des Wachstums, nach dem Gewicht von Neubeginn, Reifen und Sterben. Was ist die Bedeutung und der Kern der Worte Liebe und Gott?

„Nachdem ich einen Platz gefunden habe, an dem mir alles irgendwie zu passen scheint, richte ich mich für mein Bleiben ein. Ich lege meinen schweren Rucksack ab und mich mitten hinein in das wuchernde, würzig duftende Kraut. Einige Felsbrocken heben ihre breiten Rücken zwischen den Wacholderbüschen. Sie sehen aus wie ein Trupp praller Robben, der sich sonnt. Die Stille und Weite dieser Landschaft beginnt mich zu beruhigen. Ich werde einfach. Und ich staune.

Lange verfolge ich mit den Augen ein Rabenpaar. Die Eisgipfel des Monte Rosa spähen durch Wolkenlöcher zu mir herab. Wolken zeichnen Bilder von Tieren, Frauen. Ich weiß solche Zeichen nicht zu deuten. Aber ist das wichtig? Etwas Tieferes in mir weiß!

Jede Kleinigkeit wird wesentlich. Ich nehme wahr. Jenseits von allen Gedanken bin ich einfach da, ohne dafür eine erdachte Erklärung oder Begründung zu brauchen. Ich fühle mich willkommen. Wie einfach kann das Leben sein. Wenn ich Durst habe, gehe ich zum Bach hinüber und trinke aus der hohlen Hand. Sein sanftes Rauschen wiegt mich in Schlummer. Als ich wenig später aufwache, ist dieser Augenblick schon wieder kostbare Erinnerung...“

Ritual als Lebenshilfe

Wie kommt es, daß das Interesse an einem vergessen geglaubten Ritual heute wieder sprunghaft steigt? Jedes Jahr stellen sich mehrere hundert Menschen dieser intensiven Grenzerfahrung und nutzen das stetig größer werdende Angebot an Visionssuche-Seminaren.

Diese werden von einer Handvoll ausgebildeter Leiter angeboten, die aus den verschiedensten beruflichen Hintergründen zu dieser Arbeit gekommen sind: unter anderem Pädagogen, Ärzte, Psychologen, Biologen, Künstler, Therapeuten, Sozialarbeiter und Unter- nehmensberater.

So bunt, wie die Palette der Anbieter, ist auch die Vielfalt der Teilnehmer: jugendliche Initianden, die mit Würde und Kraft den Schritt ins Erwachsensein deutlich hervorheben wollen. Ältere Menschen, die den Verlust einer Lebensbeziehung oder gar den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten haben. Eltern, deren Kinder erwachsen geworden sind und die sich für die Zeit allein rüsten wollen. Singles, die sich auf ein Leben in Beziehung und Familie hin öffnen und einlassen wollen. Männer und Frauen, die sich in ihrem Lebensentwurf nicht mehr wohl fühlen und den Übergang in eine neue Lebensphase gestalten möchten, neue innere Klarheit suchen, eine neue Aufgabe, eine andere Qualität in Beziehung und Gemeinschaft zu leben bereit geworden sind.

Visionssuche bietet dabei immer eine wirksame rituelle Hilfe für die kreative Bewältigung solcher Wandlungsphasen und Lebenskrisen. Sie eröffnet den vollständigen und heilen Übergang von einem zu eng gewordenen Entwicklungsraum, in einen erfüllenden Neubeginn...

Drei Phasen des Übergangs

Eine Visionssuche umfaßt drei elementare Phasen. Diese sind in den meisten Initiationsriten der Naturvölker wiederzufinden. Die erste Phase des Rituals beginnt mit einer intensiven Vorbereitungszeit, in der sich die Teilnehmer über ihre Motivation und den aktuellen Stand ihres Lebens klar werden. Wer genau weiß, wo er steht, kann den gewünschten Wandel klarer fassen und schafft so beste Voraussetzungen für einen erfolgreich gemeisterten Übergang.

In der Hauptphase gehen die Initianden für vier Tage und Nächte alleine hinaus in die Wildnis, um zu fasten. Diese Zeit vergleichen wir mit der Verpuppung einer Raupe, die sich im Schutze der harten Schale völlig verwandelt. Das Team der Begleiter steht in einem zentral gelegenen Basislager für eventuelle Notfälle und Unterstützung in Krisen bereit.

Die dritte, abschließende Phase dient der Betrachtung und Würdigung des Erlebnisses. Dabei wird dem Initianten Gelegenheit gegeben, seine Erfahrung zu schildern. Alle hören mit Aufmerk-samkeit und Interesse zu. Dieses Zu-hören stellt in seiner Vollständigkeit eine tiefgehende Motivation und Würdi-gung des Erzählers dar, beschreibt er doch mit seiner Geschichte  seine innere intime Landschaft. Im achtsamen Gespräch werden danach die Begleiter das Gehörte für den Initianten „spiegeln“, das heißt auf seine inneren, symbolischen, psychologischen und spirituellen Gehalte hin reflektieren. Auf uralte, erprobte Weise werden die Geschichten aufgearbeitet und in das Alltagsleben integriert. So unspektakulär dies auch klingen mag, hat es doch schon manches Leben tiefgreifend verändert. Wenige nehmen sich heute noch die Zeit, auf den Grund ihrer Seele zu blicken und einmal zwölf lange Tage der inneren Stimme und der Entfaltung der ureigenen Vorstellungen und Zielsetzungen zu lauschen.

Das Elementare erfahren

Nun täuscht sich, wer eine esoterische, heile Bilderbuchwelt dort draußen erwartet! Nicht ohne Mühsal und Schmerzen geht diese Neugeburt vor sich. Wer einmal das Glück hatte, bei einer Geburt anwesend sein zu dürfen, weiß um den Kraftakt sowohl der Mutter, als auch des Kindes: folgerichtig werden bei Visionssuchen die Begleiter auch „Hebammen“ genannt! Wer vier Tage in wechselndem Wetter, zwischen Nacktschnecken und Stechmücken, in feuchter Kälte, Hitze und Durst, Schwäche, Hunger und Einsamkeit, aber auch in Freude und Jubel, Wärme, Kraft und Euphorie verbracht hat, weiß, aus welchen Stoffen er gemacht ist: die Elemente dieser Komposition heißen Erde, Wasser, Luft, Feuer und Natur und sie sind eine wahrhaft wilde Mischung!

„Wird Dämmerung je wieder hervortreten? Wird es je einen neuen Tag geben? Meine Seele schwebt irgendwo zwischen Himmel und Erde. Wer ist diese Gestalt, die mit angezogenen Knien im Steinkreis sitzt vor erloschenem Feuer?

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Oh großer Geist laß es Tag werden!

Doch noch Anspruch auf Leben? Leben heißt Visionen haben. Wo ist meine Vision? Großer Geist, hast Du mich verlassen? Weißt Du denn nicht, daß mein derzeitiges Leben ein einziges großes Fragezeichen ist? Keine Leuchtschrift am Himmel, die mir sagt wie es weitergehen soll. Kein Zeichen. Nicht die leiseste Botschaft, kein Windhauch: STILLE...

Nach endlosen Stunden ---, ein Lichtschimmer am östlichen Horizont, da strahlend: der Morgenstern! Endlich! Ich schreie mein Glück, meine Erlösung hinaus in die erste zarte Morgenröte...“

Fenster der Seele öffnen

Fasten gilt seit Urzeiten als eine sichere Methode, den Geist vom Ballast der Routine zu befreien und die Fenster der Seele weit zu öffnen. Die Wahrnehmung wird geschärft, die Sinne werden von ungewohnter Klarheit durchflutet. Was in manchen Kulturen im Ritual durch den gezielten Einsatz bewußtseinserweiternder Drogen erreicht werden soll, kann durch Fasten leicht und gefahrlos herbeigeführt werden.

Bekommt der Magen nichts, beginnen die Sinne in ihrer eigenen Weise nach Nahrung zu suchen: Bilder, Szenen, Geräusche und Ereignisse beginnen das Vakuum zu füllen. Die rezeptive Auf-merksamkeit wendet sich  den Qualitäten des Seins zu: der Schönheit, der Wahrheit und der Präsenz des gegenwärtigen Augenblicks.  Die Erweckung dieser Art von Sinnlichkeit öffnet die Türen der Wahrnehmung auf allen Ebenen. Die Natur beginnt in das Innere des Menschen einzufließen und eine wirksame Verbindung aus gesteigerter Wachheit, intensivem Selbstgefühl, Naturverbundenheit, Dankbarkeit für das Leben und geistiger Klarheit zu befruchten.

Weil die gewohnten Rollen des Alltags hier überflüssig werden und nicht mehr vom Eigentlichen ablenken, werden die Dinge sehr einfach und leicht: einfaches, unbedingtes Da-Sein ist möglich.

„Bäume, Pflanzen, Steine und Vögel begannen zu sprechen. Ein besonderes Erlebnis für mich war, als ich mich auf der Suche nach meinem Platz von einer Gruppe von Bäumen angezogen fühlte.

Zum ersten Mal seit meiner Kindheit, kletterte ich wieder bis in die Spitze eines Baumes, genoß das Panorama der umliegenden Berge, beobachtete die Wolken, hörte das Rauschen der Blätter im Wind, das Singen der Vögel. Der Baum trug, wiegte und schaukelte mich, wie die Arme einer Mutter. Das Gefühl von Geborgensein und Freiheit war eins. Als wir dann, nachdem wir zur Gruppe zurückgekehrt waren, unsere Erlebnisse im Kreis sitzend austauschten, spürte ich wieder das Wiegen und Schaukeln des Baumes in mir. Mir war, als bewegte mich der Baum immer noch.“

Der Blick wird frei für das Unmittelbare. Spontanes, emotionales Tun führt zu beglückenden und berührenden Erlebnissen, die dem Herzen und der Seele wohltun. Die Majestät des weiten Sternenhimmels, die unbändige Lebenskraft einer winzigen Felsenblume, das Glitzern des Sonnenlichtes in einem Schluck Quellwasser und die Berührung des Grases auf der nackten Haut — all das ist wirklich. Wenn Geist und Sinne solcherart beschäftigt sind, wird das Alleinsein auf einmal von Leichtigkeit durchweht, die Einheit allen Seins ist greifbar geworden.

„Ich bin gerade sehr von Schwermut bedrückt, fühle mich starr, festgefahren und von jedem wirklichen Berührtwerden durch andere Menschen meilenweit getrennt. Einsam kreise ich meist nur um die Frage, wie ich mich gut präsentieren kann und meine tollen Qualitäten für alle sichtbar sein können. Plötzlich: Ein Rascheln und Fiepen links hinter mir. Verdeckt von ein paar jungen Lärchen bewegt sich etwas Braunes, kleine Steine fallen klickend... ich bin starr, in Alarm versetzt: da springen und „tanzen“, kaum zehn Meter von mir entfernt, zwei gepunktete Hirschkälbchen durchs Gelände! Sie haben offenbar keinerlei Scheu vor mir, denn sie laufen sich nach, stupsen sich mit ihren schwarz-glänzenden Schnäuzchen und scheinen einen wirklich ausgelassenen Nachmittag zu feiern... keine zwanzig Meter vor mir!

Mir leuchtet das ein, als ein wunderschönes Bild für die Leichtigkeit des Seins. Und mit jemandem so zu tanzen, ist eine wunderschöne Art der Begegnung.“

„Noch heute, wenn ich mich erinnere, durchflutet mich das Gefühl einer tiefen Dankbarkeit. Mir ging auf, daß ich mich beim Anblick der tanzenden Hirschkälber selbst völlig vergaß. Ich war für einen zeitlosen Augenblick so hingerissen von dem Zauber dieses Bildes, daß ich mich nicht mehr als getrenntes Wesen wahrnehmen konnte. Eine tiefe Verbundenheit mit der lebendigen Welt blieb danach in mir präsent. Profanes und Heiliges schien mir aufs Feinste miteinander verwoben und meine Welt war durch ein echtes Wunder neu verzaubert.“

Initiation — Jugendliche an der Schwelle zur Reife

Unter einem bestimmten Blickwinkel könnte man meinen, Visionssuchen seien nur wieder ein weiterer Adrenalin-Kick in der Reihe der Sensationen für eine gelangweilte Gesellschaft. Aber, genau so wenig, wie es sich dabei um ein reines Survival Abenteuer mit esoterischem Anstrich handelt, sind sie weitere seltsame Varianten ausgeflippter Extremsportarten.

Tatsache ist: die Praxis der Visionssuche ist uralt, möglicherweise so alt wie die Menschheit selbst. WILDNIS ist als Katalysator und Entwicklungsraum  für die Sinn- und Gottsuche, immer geachtet und geehrt worden. Jesus Christus, Mohammed und viele andere Heilige und Meister der Weltgeschichte sind zum Fasten in die Wüste gegangen und durch Weisheit und Erkenntnis gestärkt, inspiriert und verwandelt zurückgekommen.

In den Märchen und Mythen der Völker findet sich das immer wiederkehrende Motiv von der Heldenreise. Da geht einer allein auf seinem Weg hinaus in die Wildnis seines Lebensabenteuers. Er muß das Vertraute und Bergende seiner Gemeinschaft, seiner Sippe oder Familie, auch seinen Stand und seine Vorstellungen von der Welt völlig hinter sich lassen! Wenn er den Dämonen und Mächten in der Dunkelheit des Waldes begegnet, muß sich zeigen, ob er bereit ist, für sich und sein Leben einzustehen und zu kämpfen. Nimmt er die Herausforderung an?

Im Ringen mit dem unbezwinglich erscheinenden Gegner findet für den erfolgreichen Helden die geheimnisvolle Kraftübertragung statt. Nun hat er das Monster besiegt oder zu seinem Verbündeten gemacht: neue Kraft erfüllt ihn, hat ihn auf eine qualitativ höhere Ebene gehoben. Und vor allem: im Kampf mit dem äußeren Ungeheuer hat er letztlich den inneren Schweinehund besiegt.

In unserer von numinosen, entmenschlichten Marktgesetzen bestimmten Kultur sind solche Initiationsriten entweder völlig verschwunden, zur Wirkungslosigkeit entwertet oder ganz der Eigeninitiative und -Regie der Jugendlichen anheim gestellt. Oft werden sie als enteignete, den Marktzwecken dienende Surrogate vom Establishment mißbraucht, wie z.B. als Führerscheinprüfung, Erlaubnis Alkohol und Tabak legal zu konsumieren oder die Berechtigung zu heiraten und selbst Kinder in die Welt zu setzen.

Doch kaum eine Kultur der Erde hat je darauf verzichten können, ein wirkliches Ritual des Wandels für ihre Heranwachsenden bereit zu stellen. Schon immer wurde das Erwachsenwerden als die wohl gravierendste Krise des menschlichen Lebens erkannt, und folgerichtig als eine Reifungsphase die von der Gemeinschaft mit größter Achtsamkeit und mitfühlender Unterstützung begleitet werden mußte. Die Kulturen hatten dafür Institutionen und Zeremonien, die dem jungen Menschen halfen, die enormen Veränderungen in Körper und Geist verarbeiten zu können. Die innere Revolution, die sich in äußerer Rebellion zeigen muß, wurde so in einem Raum des Verstehens aufgefangen, integriert und sowohl für das Individuum als auch die Gemeinschaft nutzbar gemacht.

Dabei war von entscheidender Bedeu-tung, daß die Gemeinschaft daran Anteil nahm und den Erfolg des Initianten bestätigte und deutlich seine Wandlung als Tatsache anerkannte. Zu Ehren der neu Initiierten wurde ein opulentes Fest gefeiert, um sie als vollwertige, verantwortliche und anerkannte Mitglieder zu ehren und willkommen zu heißen.

Das Drama des Jugendkultes

Weil diese Voraussetzung für einen gänzlich vollzogenen Übergang ins Erwachsensein bei den selbst inszenierten Reifeprüfungen der Jugendlichen in unserem Kulturkreis heute  weitgehend fehlt, steht die Entwicklung der Persönlichkeit an dieser so entscheidenden Stufe vor einem unüberwindlichen Hindernis und kommt ins Stocken.

Selbstgemachte Initiationsrituale von Jugendlichen versagen meist deshalb in ihrer Wirksamkeit, weil es an der Anerkennung durch die Gemeinschaft, (den Stamm, die Sippe) die Dorfgemeinschaft oder zumindest durch die Familie fehlt. Im Gegenteil, – die aufgrund fehlender öffentlich akzeptierter Alternativen gewählten Verfahrensweisen gehören in der Regel zum Bereich der Tabuthemen und der gesellschaftlich unerwünschten Verhaltensbereiche. Sie werden aus Unverstand mit Drohung, Sanktion, Liebesentzug, Isolation, Repression oder, was am schlimmsten ist, mit Gleichgültigkeit beantwortet.

Die hilflosen Versuche der Selbstinitiation lesen sich wie eine Liste der aktuellen „Jugendsünden“ der heutigen jungen Generation: ungezügelte Gewalt, exzessive Lebensführung, Auto-Wettrennen, Schußwaffengebrauch, unkontrollierter Umgang mit Alkohol, anderen Drogen und Gefahr, Extremsport und beziehungsloser Sex. Dies ist nur eine lückenhafte Aufzählung der nüchternen Realitäten und sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Was diese Vorgehensweisen auszeichnet? Es sind dies alles Imitationen des exzentrischen Verhaltens sich unreif gebärdender Erwachsener, (die selbst beweisen wollen, daß sie Erwachsen sind und vor nichts zurückschrecken...) sei es aus der direkten täglichen Anschauung gelernt, oder abgeguckt von den fragwürdigen und halbseidenen Helden der Medien, des „Kintop“ und des Fernsehens. Sie führen meist nicht zu einer Festigung des anstehenden Entwicklungsschrittes, sondern zu völlig unerwartetem und negativem Erfolg!

Die meisten dieser Versuche führen zu zusätzlichen sozialen Verwicklungen, Repressionen und Blockierungen von Seiten der Gesellschaft, die den weiteren Entwicklungsweg des jungen Menschen nur behindern und unnötig erschweren. Soziale Isolation und Ablehnung, Bildung von Subkultur und Motivationsverlust sind mögliche und wahrscheinliche Folgen. Das Selbstwertgefühl wird geschwächt statt gefördert! Die Statistiken der Todesfälle durch Unfälle und Selbstmord unter jugendlichen Menschen sprechen eine erschreckend deutliche Sprache.

Die wachsende Gewalt in den Schulen, die Bildung von jugendlichen Banden an sozialen Brennpunkten, die zunehmende juvenile Kriminalität, Asozialität und geistig - seelische Verwahrlosung sind erschreckend. Die rapide schwindende Motivation für schulische Bildung, Berufsfindung und soziales Engagement bei Jugendlichen oder tragische Fälle von Amok laufenden Halbwüchsigen zeigen die gefährlich wachsende Orientierungslosigkeit und augenfällige Ausweglosigkeit in dieser Altersgruppe!

Als sekundäre Folge lassen diese Erscheinungen in der Gesellschaft eine Welle von Ressentiment und wachsende Angst vor der Jugend entstehen. Starr vor Schreck, wie das Kaninchen vor der Schlange, sitzt die Gesellschaft vor ihrer eigenen jugendlichen Zukunft und wünscht sich sehnlichst, daß dieses Phänomen einfach verschwinden, sich in Wohlgefallen auflösen möge.

Gleichzeitig aber huldigt sie einem Trugbild von ewiger Jugend als höchstem Ideal. Reife, Alter und Weisheit sind nicht mehr länger erstrebenswert. Es scheint den Erwachsenen nicht im Bewußtsein zu sein, daß die Heranwachsenden wohl kaum Lust verspüren dürften, in eine Gesellschaft von Kindern, die in erwachsenen Körpern "verkleidet“ leben,  initiiert zu werden. Wenn die „Erwachsenen“ durch unreifes Verhalten deutlich zu erkennen geben, daß Erwachsensein alles andere als erstrebenswert ist, wie können sie da erwarten, daß solch ein Status für die biologisch wirklich Jugendlichen attraktiv sein sollte?

Wenn soziale und ökologische Verantwortlichkeit, sowie ethische Ernsthaftigkeit in der Welt der Erwachsenen so radikal durch Ellenbogenkultur und Egoismus ersetzt werden, wie sollen die jungen Menschen darin einen erfüllenden Platz für sich finden? Der ewige Jugendliche, der nie erwachsende Verweigerer bestimmt mehr und mehr das Bild und lenkt die Geschicke der Welt als lässiger, cooler Dauergast der globalen Party!

Das Nicht-Erkannt-Werden im Bemühen um eine anerkannte Initiation führt in der Psyche der jungen Menschen zu einer tragischen Fehlentwicklung: sie fühlen sich von der Gemeinschaft abgelehnt und in ihrem Reifungsbestreben verachtet. Daraufhin wenden sie sich von der Gesellschaft ab und kreieren konträr orientierte Subkulturen, stellen sich gar in bewußten Gegensatz zu allen Werten und Gesetzen der Gesellschaft, die ihnen signalisiert, daß sie keine Verwendung für sie hat! So wird ein durchaus wichtiger und wünschenswerter Prozeß der Entwicklung von Eigenständigkeit in sein genaues Gegenteil verkehrt.

Keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer leisten, ihr eigenes kreatives Potential, das in der jungen Generation schlummert und für das Blühen und Gedeihen der Gemeinschaft gebraucht wird, so achtlos zu verwerfen.

Stimmt es nicht nachdenklich, wenn wir sehen, mit welcher Unfähigkeit zur Selbstreflexion die Generation der Eltern und Großeltern diesen Fakten gegenübersteht? Sie versucht statt dessen sie als pathologische Randerscheinungen oder pankulturelle Auswüchse abzutun. Sie schafft dabei Distanz zwischen sich und der Jugend, wie bei jeweils neu zu definierenden gesellschaftlichen Gruppen als Sündenböcke.

Die Kontrolle über diese Phänomene haben wir anscheinend längst völlig verloren. Das wäre aber kein Nachweis der Bösartigkeit, Unfähigkeit oder Widerwilligkeit der Jugend, sondern verdeutlichte nur, daß wir durch unser eigenes Weggehen und Wegsehen unseren Kindern kaum je geholfen haben, die schwierige Schwelle zum Erwachsenwerden mit Erfolg zu überwinden. Und - können wir denn überhaupt wirksam helfen, wo wir doch selbst nicht in das Erwachsenenleben initiiert sind? Ist es nur eine logische Folge, daß wir nun in einer Gesellschaft leben, die von kindlichen Verhaltensweisen geprägt ist?

So berichten übereinstimmend Leiter von Visionssuchegruppen, daß der Großteil der Teilnehmer im Alter zwischen 35 und 50 durch Initiationsrituale geht, um endlich für sich selbst eine reale Schwellenprüfung zu absolvieren. Sie wollen den Durchbruch zu einer tief empfundenen und würdigen Eigenständigkeit schaffen und sich selbst in ihrer inneren höchsten Instanz als reif und ganz erleben.

Wie sozial-psychologische Forschung zweifelsfrei erwiesen hat, sind Menschen, die in frühen Entwicklungsstufen verfangen sind und nicht durch den Prozess der Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit, bzw. ihrer eigenen Werte vorgedrungen sind, leichter lenk- und verführbar: klassische Opfer. Für das Gedankengut von Demagogen und  Sekten, die Illusion der virtuellen Welten, und den scheinbaren Ausweg durch die Pforten des Drogenkonsums sind sie leicht erreichbar. Nur wer seine Reife im offenen und konfliktbereiten Wachstumsprozeß erworben hat, kann zu einer diesbezüglich immunisierenden Klarheit finden.

Ehrliches Interesse

Wer mit Jugendlichen heute ins Gespräch über VisionsSuche und andere Initiationsrituale kommt, trifft fast immer auf reges Interesse: Schulklassen erarbeiten das Thema im Ethikunterricht, befragen die Weltliteratur nach Geschichten und Poesie zum Thema. Sie sind geneigt, Sinn und Zweck einer solchen Praxis sehr genau und kritisch zu hinterfragen, erkennen aber meist die Wichtigkeit derselben sehr schnell.

Erfahrungen in vielen Ländern wie Amerika, Südafrika, Australien, England, Skandinavien, Schweiz und Deutschland belegen, daß noch immer die Kraft kompetent geleiteter, einsamer Fastenrituale wahre Wunder wirken kann! Ausgeflippte übernehmen wieder Verantwortung für ihr Leben, auf die schiefe Bahn Geratene wenden sich von einer kriminellen Karriere ab, verlorene Söhne und Töchter kehren als selbstbewußte Männer und Frauen in das Leben zurück, um eine sinnvolle Aufgabe in ihrer sozialen Gemeinschaft zu übernehmen.

„Ich konnte es kaum erwarten vom Berg hinab zu steigen. Ich konnte jetzt meinem Wert für mich und für die Menschheit erkennen und stolz auf mich sein. ...Und jeder einzelne Mensch ist ein Geschenk, das gewürdigt und respektiert werden soll. Die 3 Tage völliger Ruhe haben mir auch in meinem Alltagsleben mehr Ruhe und Gelassenheit geschenkt, die ich jetzt völlig genießen kann. Die Beziehungen zu meinen Mitmenschen scheinen viel tiefer und offener zu sein als bisher. Auch habe ich eine tiefe Zufriedenheit und großes Glück in mir selbst wahrgenommen und vor allem die Erkenntnis keinen anderen Menschen zum Glücklichsein zu brauchen. Meinem Selbst bin ich ein wesentliches Stück näher gerückt und jeder Schritt nach Innen und näher zum Wesentlichen bringt einen auch dem anderen Menschen näher, da das eigentliche Sein nicht im einzelnen Individuum steckt, sondern in der Einheit von allen“ Kathi, 17 Jahre

Autor: Shanti E. Petschel, CreaVista Academy. Ich danke für die Erlaubnis meiner Teilnehmer, Zitate aus ihren Erfahrungsberichten zu verwenden (Kursiv gekennzeichnet).

Literaturhinweis: Vision Quest, allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst / Sylvia Koch - Weser / Geseko v. Lüpke Ariston, 2000