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VisionQuest: Instrument der
menschlichen Reifung ? "Der Ritus ist
der Kernbezirk menschlicher Wandlung." Erich Neumann
Amokschütze im Schulgebäude...
Mitschüler und Lehrerin mit Waffe des Vaters getötet...
Blutbad in der Oberstufe
durch Scharfschützen der Polizei beendet....sieben Tote
und viele Verletzte...Brutale Schlägereien auf dem Schulhof:
Lehrer sind überfordert und müssen machtlos zusehen...
Nimmt die Gewalt in den Schulen überhand?
Der Drogendealer kam auf
den Schulhof: 15- Jähriger Klassensprecher versorgt
Mitschüler mit Drogen... Mehrzahl der Schüler kifft
oder nimmt härtere Sachen... Wovor wollen sie flüchten?

So und ähnlich klingen heute viele
der schrecklichen Schlagzeilen unserer Tage. Leider
sind die Fakten bei genauerer Betrachtung meist noch
erschütternder, als der erste Eindruck, weil sie über
das persönliche Schicksal hinaus die Spitze des Eisberges
einer allgemeinen Entwicklung markieren.
Die heile Welt der Kindheit scheint
von den Kids selbst zerbrochen zu werden und in einer
Orgie von Zerstörungswut zu zersplittern.
Was geht da schief?
Wie auch immer man diese Entwicklung
bewerten mag, so steht doch eines unzweifelhaft fest:
die Jugend in unserer Gesellschaft erlebt eine schwere
Krise. Denn Pubertät ist an sich schon eine totale Krise
und findet sich dabei in einem gesellschaftlichen Ambiente
wieder, das eine gleichartige Entwicklungskrise auf
globaler Ebene erzeugt und nun zu durchleiden hat. Da
jede menschliche Kultur ein vernetzter Organismus ist,
leidet die "heutige Jugend" an dieser Krise
im doppelten Sinne und mit ihr wohl die gesamte
Gesellschaft!
Nun sagen uns Biologie und Entwicklungs-Psychologie
über den Wandel, den die Pubertät und sogenannte Adoleszenz
für Körper, Psyche und Seele des jungen Menschen darstellt,
übereinstimmend, daß dies eine tiefgreifende, jedoch
völlig natürliche Krise sei. Sie sagen aber auch, daß
Dramatik und Wirkungsgrad dieser Krise weitgehend von
der Präsenz und begleitenden Aufmerksamkeit der Eltern
beeinflusst werden können.
Mit anderen Worten: die natürliche
Krise der Pubertät wird durch die globale Krise der
Welt der Erwachsenen potenziert und spiegelt diese somit
intensiviert wieder! Wenn Philosophen und Sozialwissenschaftler
unisono einen Entwicklungsschritt von der „Modernen
Gesellschaft“ fordern, so meinen sie damit einen zentralen
Mangel dieser Gesellschaft: den Mangel an Maturität,
Erwachsensein und weitreichender Verantwortungsfähigkeit.
Die Gilde der Psychotherapeuten beklagt eine Schwemme
von Infantilismus und eklatanter Unreife bei sogenannten
Erwachsenen, an der sie sich schier die Zähne ausbeißt,
auch wenn sie davon lebt, erlahmte Entwicklungsprozesse
wiederbeleben zu wollen.
Zerfall des Zusammenhalts
Der Jugendlichkeitswahn der Älteren,
die niemals mehr alt werden wollen, wirkt verzerrt
und in seiner Deplaciertheit grotesk. Der weit hallende
Schrei nach wirklicher Führung und Berührung ist überall
zu hören. Das offene, ehrliche Gespräch zwischen den
Generationen ist fast völlig zum Erliegen gekommen und
die verschiedenen Altersgruppierungen in der zerfallenden
Gesellschaft verlieren sich zunehmend in den isolierenden
Blasen ihrer jeweiligen introvertierten Subkulturen.
Daß dabei die Identifikation mit der
Gemeinschaft, sei sie nun familiär, regional oder ethnisch
definiert, verloren geht, ist zunächst eine wertfreie
Tatsache. Wenn diese aber in ihrer Folge die Auflösung
von schützenden Räumen für die gesunde Entwicklung seiner
nachwachsenden, jungen Individuen mit sich bringt, beginnt
die Gestalt jeder Gesellschaft zu wanken. Institutionen
und Einrichtungen werden dann zunehmend ihrer eigentlichen
Funktionen entkleidet. Sie verlieren das Maß des Menschlichen,
werden zu Instrumenten des Beliebigen und Zusammenhanglosen:
weder wissender, weil informierter Konsens, noch liebende
Aufmerksamkeit sind ihr Treibstoff.
Sinnsuche und Selbstwert
Vision Quest heißt Sinnsuche und Heilung
der Selbst-Wertschätzung durch Selbst-Erfahrung in der
Natur. Es ist ein altes, traditionelles Übergangsritual
in neuem Gewande für moderne Menschen.
Vision Quest bedeutet im tieferen
Sinne: intensives, totales Suchen und Ringen um eine
Perspektive, eine Vision. Unter Vision verstehen wir
hier und heute einen authentischen und ehrlichen Einblick
in das Wesen der eigenen Existenz, unter Einbeziehung
der Natur als Lehrmeisterin. Die Wildnis der „rohen“
Natur bildet die heilende Grundmatrix, nach der
sich jedes Lebenskonzept, will es die irdische Zukunft
erfolgreich mitgestalten, richten muß.
Wir verstehen das uralte Ritual VisionQuest
als ein kraftvolles Korrektiv, im Sinne einer „Medizin“,
um innere und äußere Stagnation wieder zurück in einen
dynamischen, lebendigen Fluß zu geleiten. Dies geschieht
dadurch, daß sich die schlummernden Potentiale erfolgreicher
Lebensbewältigung zu entfalten beginnen, aufgerufen
durch den entstehenden Freiraum, die Herausforderungen
des VisionQuest: Alleinsein, Fasten und der Natur ausgesetzt
Sein.
Das VisionQuest Ritual
VQ - Rituale sind aus drei unterschiedlichen
Phasen strukturiert: Trennung, Schwellenritual
und Wiedereingliederung
Trennung und Ablösung:
Die Ablösung ist gleichzeitig die
Zeit der Vorbereitung. Sie beginnt damit, daß die Entscheidung,
an einer VisionsSuche teilzunehmen, ernsthaft erwogen,
die Herausforderung, die darin erkennbar ist, angenommen
wird. Es werden Vorbereitungen notwendig, sowohl auf
physischer, wie auch psychischer Ebene. Die Absicht
muß geklärt werden und auch die Zielrichtung bedarf
einer sorgfältigen Betrachtung und Erwägung. Gleichzeitig
mit diesem Aufbruch verlässt der Initiant des
Lebens das „Elternhaus des Gewohnten“, denn er
erkennt sofort: mit den bisher gelernten Strategien
seines bisherigen Lebensverlaufes hat er keine Chance,
die Herausforderung zu meistern...
Das ruft einen intensivierten Selbstreflexionsprozess
hervor, da sich das junge Individuum der Frage gegenüber
sieht, wie es einer Zeit von drei bis vier Tagen und
Nächten ganz allein in der Wildnis, ohne Essen und ein
Dach über dem Kopf standhalten kann und will. Ängste
werden aktiviert; die Heldenreise hat begonnen. Nun
ist es von entscheidender Wichtigkeit, daß die Motivation,
auf die Reise zu gehen, auf Herz und Nieren geprüft,
gereinigt und gestärkt wird, sonst wird sie dem Druck
der Herausforderung nicht standhalten können.
Das Schwellenritual
Etwas zu beenden heißt, etwas anzufangen.
Wir
beginnen immer mit einem Ende. T.S.Elliot
Die Zeit des einsamen Fastens beginnt
mit dem bewußten Überschreiten einer sichtbaren Schwelle.
So wird dem ganzen Menschen, unter Einbeziehung aller
seiner Wahrnehmungskanäle, mitgeteilt, daß er eine Trennungslinie
zwischen zwei Lebensabschnitten überschritten hat. Tagesbewusstsein,
Unterbewusstsein und das höhere Potential sind alert,
„angeschaltet“, in erhöhter Aufnahmebereitschaft, und
nehmen diese Tatsache zur Kenntnis. Die Zeremonie kann
auf diese Weise mit lebenden Bildern sprechen und diesen
gesteigerten Grad von Wachheit und Aufmerksamkeit auch
aufrechterhalten. Früher verachtetes und für nutzlos
gehaltenes „Brimborium“ wird plötzlich wichtig und in
seinem tieferen Sinn erkannt: als eine Wiederverzauberung
der Welt, eine Heilung und Heiligung des für profan
und banal Gehaltenen, nämlich der Erde und des natürlichen
Lebens selbst! So kann auch die Dämonisierung der eigenen
Instinkte, Triebe und Gefühle überwunden werden, denn
der Blick auf die Dinge weitet und verfeinert sich,
somit auch der Blick auf sich selbst.

Durch die Schwellenzeremonie solcherart
geehrt und für würdig befunden, geht der Visionssucher,
im Bewusstsein der elementaren Wichtigkeit und Bedeutsamkeit
seines Tuns, hinaus ins Weite, ins wilde Land. Er läßt
sein gesamtes bisheriges Leben vor der Schwelle zurück
und macht sich leer für die Lehren, die ihm seine Gebete,
der große Geist, sein persönlicher Gott, Mutter Natur,
seine Ahnen und alle für ihn wichtigen Entitäten
zu bieten haben.
Er hört in sich den hungrigen Ruf
nach Unterweisung, Heilung und Stärkung, wird erfüllt
vom aufkeimenden Bewusstsein der vollständigen Kreatürlichkeit.
Er fühlt damit die unbedingte Abhängigkeit vom Zustand
der natürlichen Lebensumgebung: ist die Natur gesund,
kann auch er gesund werden, ist sie krank, aus der Balance,
bleibt auch er in Disharmonie. Durch das Wegnehmen der
trennenden Hüllen von Zelt, Hauswand, Dach und menschlicher
Gemeinschaft kommt die Natur plötzlich hautnah
an ihn heran, berührt und ergreift ihn unmittelbar.
„...nach dem ersten Schritt hinaus
in den Regen war alles anders. Das Wasser und die frische
Luft im Gesicht veränderten blitzschnell mein Empfinden.
Mir war, als würde das Wasser alle Ängste und Befürchtungen
abwaschen und den Kopf klar und frei machen. Es machte
Spaß, den Regen auf der Haut zu spüren. Ich hatte plötzlich
Lust, in die Pfützen zu springen, zu hüpfen, zu tanzen.
Ich begrüßte den Regen, und er
begrüßte mich. Er war jetzt mein Freund. Die ganze Situation
war für mich komisch und wunderbar zugleich. Ich mußte
lachen, lauthals lachen, während ich den Regen genoss.
Es war richtig befreiend."
(“Tree
Top Dancer”, Sommer 1998)
Der stärker und stärker werdende Hunger
nagt an den Eingeweiden und beginnt seine Verdauungskraft
auf andere Ziele zu lenken: er verlangt nach der Nahrung,
die zeitlos und tief zu sättigen imstande ist. Die Zeit
des Fastens ist eine Zeit enorm erhöhter Sensibilität.
Die Wahrnehmung öffnet sich für „das Andere“, Unbekannte.
Farben und Formen der Landschaft werden lebendig, plastischer
und leuchtender. Das kann beängstigend sein, aber auch
zu großer Freude und innerer Befriedung führen.
„...als ich mich auf der Suche
nach „meinem“ Platz von einer Gruppe von Bäumen angezogen
fühlte. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit, kletterte
ich wieder bis in die Spitze eines Baumes, genoss das
Panorama der umliegenden Berge, beobachtete die Wolken,
hörte das Rauschen der Blätter im Wind, das Singen der
Vögel. Der Baum trug , wiegte und schaukelte mich, wie
die Arme einer Mutter. Das Gefühl von Geborgensein und
Freiheit war eins. Als wir dann ,
nachdem wir zur Gruppe zurückgekehrt waren, unsere Erlebnisse
im Kreis sitzend austauschten, spürte ich das Wiegen
und Schaukeln des Baumes in mir. Mir war, als bewegte
mich der Baum immer noch. ...“
(“Tree
Top Dancer”, Sommer 1998)
Erinnerungen werden aktiviert und
auf dem Weg des Verdauens und Verarbeitens begleiten
die Erscheinungen und Wesen der Wildnis unsere Helden
mit stiller Selbstverständlichkeit und Präsenz. Wolken,
Felsen, Wurzeln, Pflanzen und Tiere, aber auch Wetterbedingungen,
Landschaftsformen, die endlose Weite und das Licht des
Sternenhimmels können zu hilfreichen Projektionsflächen
für innere Vorgänge werden. Das heißt, inneres Erleben
wird durch diese äußeren Bilder nach außen gebracht,
erlebbar gemacht und ausgedrückt. Die Verarbeitung der
Vergangenheit und der Erinnerungen findet einen offenen
Raum und einen lebendigen Bezug zur äußeren Wirklichkeit,
wird von der Natur gespiegelt, kommentiert und bestätigt.
Wenn die Heldin zu spüren beginnt,
daß sie das Fasten, das Alleinsein und die direkte Berührung
der Natur vollkommen in die Gegenwart des JETZT UND
HIER bringen, kann sie mühelos erkennen, daß alles,
was sie ist, jetzt, im Moment der Gegenwart existiert.
Sie ist zwar durch ihre eigene Geschichte das geworden,
was sie jetzt ist, dennoch sind angesichts der kraftvollen
Gegenwärtigkeit alle Erinnerungen lediglich vergangene
Realitäten, Konzepte, Echo vergangener Zeiten. Die Präsenz
der erzwungenen Achtsamkeit läßt den gegenwärtigen Augenblick
als Essenz des Seins aufleuchten...
„Dieses All - Ein - Sein in der
Natur läßt tiefe Zufriedenheit in mir wachsen, tiefes
Vertrauen in das, was geschieht und es schenkt mir ein
Gefühl von Geborgenheit.“
(Tagebuch
einer Teilnehmerin. 18 J.)
Die menschliche Qualität der Betreuung
und Begleitung durch die Visionssuche- Leiter und -Leiterinnen
ist hier in ihrer ganzen Tragweite erst zu erkennen,
wenn man erfühlt, welches Maß an Vertrauen und Offenheit
ihnen entgegengebracht werden muß, damit das Ganze überhaupt
erst stattfinden kann. Sie müssen als eindeutige Verbündete
anerkannt worden sein! Sie müssen sich auch in der Prüfung
durch den kritischen und wachen Verstand der jungen
Initianten als absolut vertrauenswürdig, kompetent und
zuverlässig erwiesen haben.
Gestützt auf dieses Vertrauen gehen
die Initianten hinaus und suchen sich einen Platz in
der Wildnis, an dem sie für drei Tage und drei Nächte
fasten, beten und auf die Stimmen ihrer inneren und
äußeren Natur lauschen. Sie verzichten auf den (unter
Umständen gewohnten) Gebrauch von Drogen und Ablenkungen.
Sie sind gehalten, ein Tagebuch zu führen, ihren inneren
Dialog und die wichtigsten Ereignisse im „Außen“ zu
protokollieren. Die meisten tun das auch wirklich! Sie
wissen, daß diese Aufzeichnungen später, in der Zeit
der Integration und einer fast immer eintretenden Krise,
zu einem Schatzkästchen ihrer ganz eigenen Weisheit
und Richtungsweisung werden können.
Zur Sicherheit der Fastenden wird
ein Kommunikationssystem etabliert, das durch einen
täglichen Gang zu einem vorher vereinbarten Punkt des
Geländes, wo sich ein „Briefkasten“ befindet, bedient
werden muß. Das Team der Leiter hält ein Basislager
im Zentrum des Geländes aufrecht, das für alle immer
erreichbar ist. So ist gewährleistet, daß im Falle einer
Notsituation schnell Hilfe zur Hand ist.
Die Wiedereingliederung
„Es nützt nichts, sich über die
Jugend aufzuregen. Wer das tut, hat vergessen, daß über
Tausende von Jahren unsere Gattung überleben konnte
und Kulturen erhalten blieben, weil es Übergangsrituale
gab. Es waren die Erwachsenen, die das ermöglichten.
Auch heute haben die Erwachsenen den Schlüssel in der
Hand. Wer bereit ist, sollte nicht länger zögern, damit
wir uns an die Arbeit machen und die Jugendlichen zu
Erwachsenen machen können, anstatt ihnen weiter zu erlauben,
sich selber zu initiieren.“
Stephen Foster ( School
of Lost Borders, California)
Wenn die Zeit des einsamen Fastens
vorüber ist, nach drei Tagen und Nächten, räumen die
Initianten ihren Platz sorgfältig auf. Das heißt hier:
die Spuren menschlicher Gegenwart sind, so weit wie
möglich, zu beseitigen! Sie bedanken sich bei den Wesen
des Ortes, geben den Rest ihres Trinkwassers trockenen
Pflanzen , bringen herumliegende Steine an geschützte
Plätze, verteilen die Asche ihres kleinen Ritualfeuers
in der Umgebung und nehmen tief im Inneren das Bild
dieses wilden Ortes in seinem ursprünglichen Zustand
mit sich. Nicht erst auf dem Weg zurück ins Basislager
fragen sie sich, wie sie den Menschen, die sie lieben,
begegnen werden, wie sie auf Menschen zugehen wollen,
mit denen sie Konflikte haben, vielleicht eine ungewollte,
gleichgültige oder unfreundliche Distanz haben entstehen
lassen.
„Ich konnte es kaum erwarten, vom
Berg herabzusteigen. Beim Tritt über die Schwelle habe
ich mich mit dem Satz: >Welt, jetzt hast du mich
zurück, sei froh drüber< wieder ins Leben katapultiert.
Ich kann jetzt meinen Wert für mich und die Menschheit
erkennen und stolz auf mich sein. Die Beziehungen zu
meinen Mitmenschen scheinen viel tiefer und offener
zu sein als bisher. Auch habe ich eine tiefe Zufriedenheit
in mir selbst wahrgenommen und vor allem die Erkenntnis,
eigentlich keinen anderen Menschen zum Glücklichsein
zu brauchen.“
(Kathi,
17 J.)
Der Weg zurück zum Basislager, wo
das Team auf sie wartet, ist für die Initianten oft
von Schwächegefühlen, großer Dankbarkeit, starken Gefühlsstürmen
und einem heftigen Verlangen, den Menschen ihre Liebe
zu zeigen, begleitet. Sie werden mit einer Umarmung
und den Worten: „Willkommen bei den Menschen“ begrüßt
und dann zurück über die Schwelle geleitet. Das ist
sehr wichtig, denn nur wenn der vorher ausgesprochene
„Zauber“ des Schwellenrituals wieder gelöst wird, kann
der Vision-Quester sich ganz auf den Weg zurück in seine
menschliche Gemeinschaft machen und dort auch wirklich
ankommen!
„Nach diesem ersten kleinen Picknick
machen wir ein gemeinsames Abschiedsritual unter einer
ehrwürdigen alten Lärche, die uns das Harz für den Rauch
schenkt. Diese Handlung, das ganze Ritual erlebe ich
als heilend - als heilig. Ich bin tief berührt. Den
Rauch aus Wacholder, Lärchenharz, Salbei und Alpenrosenbutten
atmen wir bewusst ein. Wir danken diesem Ort für die
liebevolle Aufnahme und alles, was er uns geschenkt
hat und segnen ihn.
Danach geht es an den Abstieg.
Ich staune, wie schnell sich meine Kräfte regeneriert
haben, schreibe es den Beeren und Äpfeln zu. Keine Spur
mehr von Schwäche, jedenfalls nicht zu vergleichen mit
dem Abstieg ins Basislager. In der Rückschau wird mir
klar, daß dieser Kraftstrom wohl sehr viel Nahrung durch
das Ritual erhalten haben muß. Es waren nicht nur die
Beeren und Äpfel“.
(Caro,
19 J.)
Geht hinaus, um wirklich und ganz
zurück zu kommen!
Die Wiedereingliederungsphase zielt
auf das Erkennen und die Urbarmachung des Geschenkes,
das die Zeit des Fastens gegeben hat:
Jetzt wird die Tatsache bedeutsam,
daß es sich beim Team der Leitenden wirklich um gereifte
Menschen handelt, ELDERS, wie die englische Sprache
es so treffend nennt. Sie repräsentieren die Erfahrung,
Offenheit, Weisheit, Liebe und Anerkennung der menschlichen
Gemeinschaft, in die der junge Held zurückzukehren hofft.
Zugleich sind sie Zeugen der Einweihung, des Reifeschrittes
und der erfolgreichen Reise durch das Land der Einsamkeit,
des Hungers und der Härten.
Ihre Aufgabe ist es, mit ganzer Aufmerksamkeit
der Erzählung jedes einzelnen zu lauschen und mit dem
Herzen zu hören. Die erzählte Geschichte resoniert in
den Elders: Bilder und Gefühle auslösend, vor allem
Mitgefühl. Aus dieser zutiefst emphatischen Grundhaltung
heraus werden sie im Anschluss an das aufmerksame Lauschen
auf die Erzählung das Gehörte „spiegeln“. Sie erkennen
dabei die Leistung des Fastens und Alleinseins, das
Gelingen und Erfahren von Stille, authentischem Ausdruck,
tiefem Fühlen, mutigem Erkennen - was auch immer geschehen
ist - vorbehaltlos ohne jegliche Abwertung an. Nicht
im Infragestellen sehen sie hier ihre Aufgabe, sondern
in Ermutigung (Empowerment), Würdigung und vielleicht
in der Unterstützung durch einige wenige Klärungsfragen.
Dies ist auch im alten, tradierten
Kontext der Heldenreise von größter Bedeutung: daß die
Reise ein erkennbares gutes Ende hat, wenn die Gemeinschaft
die Geschichte hört, würdigt und durch ein großes Fest
ihre Wertschätzung für diese echte, große Heldentat
zum Ausdruck bringt.
Die zu dieser Phase des Rituals geladenen
Eltern der jungen Initiierten hören mit tiefer Berührtheit
und Anteilnahme die Geschichten ihrer Kinder. In der
Regel sind sie tief beeindruckt von der Leistung ihrer
Kinder. Sie anerkennen, daß sie selbst, hätten sie in
ihrer Jugend selber vor solch einer Herausforderung
gestanden, vielleicht nicht den Mut gehabt hätten, allein
dort hinaus zu gehen. Sie sind angesichts dieser Erkenntnis
vielleicht in der Lage, das Erwachsensein ihres Sohnes
oder ihrer Tochter in einem neuen, klareren Licht zu
sehen. Das Außergewöhnliche der Situation und die Gegenwart
der die Gruppe leitenden ELDERS, schafft einen besonderen
Raum der emotionalen Sicherheit des Vertrauens für Eltern
und Kinder. Der kann genutzt werden für den ehrlichen
Austausch von authentischen Gefühlen und einer neuen,
echten Nähe, die oftmals bis dahin verhindert oder all
zu selten war.
Das Wesentliche von Konflikt und Liebe
in den Beziehungen kommt ohne Umwege zur Sprache und
jahrelang verborgene Dramen in den Eltern-Kind-Beziehungen
können endlich ehrlich betrachtet werden und sich vor
den Augen Aller auflösen.

Die jungen Erwachsenen werden von
ihren Eltern gesegnet, wie in alten Zeiten, und in ein
eigenständiges Leben frei- und losgelassen. Für die
jungen Menschen selbst ist es nun möglich, das Geschenk
des Erwachsenseins in neuem Mut und Freude anzunehmen.
Sie stehen sich nicht mehr selbst im Wege, weil sich
auch ihre Perspektive auf ihre Kindheit und die Eltern
gewandelt hat. Und - sie sehen vielleicht zum ersten
Mal ihren Platz in ihrer Gemeinschaft mit größter Klarheit
Der Monomythos
Wie in den Mythen und Märchen beginnt
alles damit, daß sich der „Held“ vor eine Herausforderung,
eine Prüfung gestellt sieht, vor der es kein Zurückweichen
gibt und die ihm keine Ausflucht läßt, da seine bisherige
Welt entweder zu klein, eng, arm oder feindlich geworden
ist! Und: es ist eine Herausforderung, der er völlig
allein gegenübertreten muß.
In manchen Geschichten geschieht,
als Variante sozusagen, ein selektiver Prozess innerhalb
einer Gruppe von „Gleichen“ - etwa Geschwistern -, in
dem jedem, mit besonderem Potential Ausgestatteten,
auch folgerichtig eine besonders schwierige Aufgabe
zugeteilt werden muß. Meistert er diese, wird er zum
König, Meister und Herren seiner Welt, also der wahre,
weil von der Illusion des Klein,- und Schwachseins befreite
Held! Das bedeutet zwar nicht, daß sich eine Elite bildet,
aber immerhin, daß ein wachsendes Wesen seinem eigenen
Potential optimalen Entfaltungsraum zur Verfügung gestellt
hat. In den Märchen gehört auch stets ein großes Fest
zu seinen Ehren dazu, in welchem sein neuer Status in
der Gemeinschaft anerkannt, bestätigt und aller Welt
kundgetan wird. Es wird für alle sichtbar zum Ausdruck
gebracht: So ist es !
Aber langsam, ...vor den Erfolg haben
die Götter den Schweiß gesetzt.
Anstatt einer demütigenden und meist
weder möglichen, noch sinnvollen Flucht, wählt der Held
also den Weg des größeren Widerstandes, - er geht dorthin,
wo ihn die größte Angst erwartet. Diese Orte sind dunkle
Drachenhöhlen, unermesslich große und gefährliche Wälder,
unendlich ferne, von fremdartigen und nicht gerade zartbesaiteten
oder gar freundlich gesinnten Wesen bewohnte Gegenden.
Man fragt sich unwillkürlich, was die jungen Helden
dazu treibt, sich mit allem und jedem anzulegen, und
was sie dabei zu gewinnen hoffen. Ihr Hunger nach Erleben
ist gewaltig und die Suche nach Bestätigung und Erkanntwerden
ist bedingungslos, - obendrein auch gar nicht mehr umkehrbar,
hat sie erst einmal begonnen. Der innere und äußere
Ort der Kindheit muß verlassen werden, und zwar um jeden
Preis.
Das Kind muß „sterben“ und einem neuen
Wesen Platz machen: dem Jugendlichen, dem jungen Erwachsenen
„Die Pubertät ist unbestritten zunächst
einmal eine besondere biologische Schwellensituation
in der Entwicklung eines Menschen. Es ändert sich alles:
der Körper, die Gefühle, das Rollenbild. Auch die Anforderungen,
die die Welt an die Jugendlichen stellt, verändern sich:
plötzlich öffnen sich neue Beziehungsmöglichkeiten,
neue Verantwortungen sollen übernommen werden, persönliche
Werte sind gefragt, die Berufswahl steht an. All diese
massiven Veränderungen finden in dem knappen Zeitraum
zwischen dem elften und zwanzigsten Lebensjahr statt.
Der Vollzug dieser grundlegenden Wandlung zeigt sich
dann aber nicht auf der biologischen Ebene, sondern
läßt sich eigentlich nur sozial definieren: durch die
Kompetenz, dauerhafte Beziehungen selbständig zu gestalten
und Verantwortung in Familie und Beruf zu übernehmen.
Mit 18 Jahren soll der junge Mensch als gesetzestreues,
sozial verantwortliches, selbstbewußtes und ordentliches
Mitglied der Gesellschaft dastehen.“
Silvia Koch-Weser/ Geseko v. Lüpke,
VISION QUEST, Ariston Verlag, 2000
Helfer, Mentoren und Elders

Wichtig ist es, sich einen Helfer
zu suchen, auch Gleichgesinnte oder Mentoren tauchen
in den Geschichten auf. Oft stehen dem Helden auf seiner
Reise die wilden Tiere des entsprechenden Lebensraumes
als unschätzbare Helfer und aufopferungsvolle Kameraden
zur Seite. Sind sie Kraft - Tiere?
Die Aufgabe fordert vom Helden die
vollkommene Hingabe an seine eigenen Fähigkeiten und
an das EREIGNIS selbst. (Präsenz)
Man kann nicht üben, wie man mit einem
Drachen kämpft, der jeden abgeschlagenen Kopf sofort
durch zwei neue zu ersetzen weiß! (Die Angst)
Man kann kaum erproben, was geschieht,
wenn das Unbekannte durch die Pforte des JETZT schreitet!
(Das „Wilde“)
Wie kann man lernen, der eigenen Vergänglichkeit
geradewegs ins Auge zu blicken? (Der Tod)
Wie kann der junge Mensch den Meister
erkennen, der in ihm schlummert, wenn er sich selbst
im Spiegel erblickt? (Das Potential)
Im Vertrauen auf seinen persönlichen
Gott und seine eigenen Fähigkeiten geht er voran, auf
das Unbekannte zu...(Urvertrauen)
Es ist der vollkommene Wandel, welcher
solch große Angst macht! Die darin versteckte Gewissheit,
daß keine Garantie oder Sicherheit mitgeliefert wird,
wenn der Ruf kommt, aufzustehen und die Reise zu beginnen,
erschüttert die Grundfesten der Persona. Der Schritt
ins Unbekannte ist immer auch mit echter Gefahr, ja
mitunter auch mit Lebensgefahr verbunden. Das Vertrauen
kann sich „nur“ noch auf „die Kraft hinter den Kulissen“
beziehen, kann nur im Sprung ins Leere noch einen Halt
finden! Nur wenn die Herausforderung vollständig ist,
kann sie auch den verborgen schlummernden Potentialen
psychischer Balance und sozialen Mutes, - dem wahren
Heldentum des Erwachsenseins -, die Türen öffnen.
Hier liegt ein wesentliches Wirkprinzip
solcher Schwellenrituale offen vor uns: Trennung von
den gewohnten Bedingungen und Umständen des Alltäglichen,
wie regelmäßigem Essen, einem Dach über dem Kopf und
ablenkender Gesellschaft, Gerätschaften für jeden x-beliebigen
Vorgang und Zweck, das Behütetsein durch Eltern und
Familie. Durch diesen „Schock“ wird der trennende Filter
weggenommen, der zwischen der unmittelbaren Erfahrung
und dem Erlebenden liegt. Die Pforte zu tiefen und starken
Gefühlen wird entschieden geöffnet und zuvor nur vermutete
Fähigkeiten drängen an die Oberfläche.

In der Vorbereitungsphase ist es von
großer Bedeutung, diese neu erkennbaren Fähigkeiten
und Stärken des Initianten zu benennen, anzuerkennen
und zu würdigen. Sie werden dadurch für den Helden auf
seiner Reise zu wertvollen Verbündeten und können nun
im VisionQuest als Lebenskompetenzen bewusst gemacht,
„erworben“, erprobt und gefestigt werden.
„Was
du ererbt von deinen Vätern, erwirb es dir, damit du
es besitzest“
(Volksweisheit)
Autor: Shanti
E. Petschel
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